Das (vermeintlich) hohe Lied der grünen IT, oder: Mal ein ernstes Wort am Rande
Grün, grün, grün sind alle meine Rechner, la, la, lalala … Stünde eine neue Hymne für die CeBIT zur Debatte, müsste sich der Komponist in diesem Jahr wohl bei einem alten Kinderlied bedienen. Ich kann mich noch ziemlich genau an die Situation vor einem Jahr erinnern: Da hatte die IT-Branche das Thema “Klimaschutz”, das wegen der UN-Berichte zum Klimawandel in aller Munde war, ja noch völlig verpennt und stand als das umweltverschmutzende und ungehemmt Strom verbratende Schmuddelkind der Industrie in der Ecke. Kein angenehmer Platz für eine Branche, die sich viel auf ihre Innovationsfreude und Zukunftsfähigkeit zu Gute hält – und Besucher ebenso wie Beobachter wunderten sich. In diesem Jahr singt man daher ein anderes Lied, beziehungsweise begibt sich auf die Jagd nach dem verlorenen Fortschrittsimage: Green IT ist das neue Schlagwort nicht nur auf der CeBIT, bei dem die Firmenoberen und Pressesprecher von PC-Herstellern über Netzwerkausrüster bis hin zum Messeveranstalter leuchtende Augen bekommen. Da mag mal ein ernstes Wort am Rande angebracht sein.
Es ist beileibe nicht alles gleich “grün” gemeint oder, um das eigentlich passende Adjektiv zu wählen, umweltfreundlich gedacht, nur weil es unter das Rubrum Green IT gefasst wird. Die Firmen und Rechenzentrumsbesitzer treibt keineswegs das neu entdeckte ökologische Gewissen, auch wenn dies einzelnen Firmenlenkern und IT-Verantwortlichen nicht abzusprechen sein dürfte. Aber selbst hartgesottene Manager von Stahlproduzenten, die gegen die geplanten EU-Auflagen für mehr Klimaschutz behende Sturm laufen, erfreuen sich plötzlich am Umweltschutz, wenn ihnen ihre IT-Manager vorrechnen, wie hoch die Stromkosten inzwischen sind, die das Rechenzentrum des Unternehmens schluckt, welcher Aufwand getrieben werden muss, um ein modernes Rechenzentrum zu kühlen und vor Ausfällen zu schützen, was die PCs in der Verwaltung Tag für Tag verbrauchen.
Wer gar wie Webhoster, Internetprovider oder Online-Anbieter wie Google vom reibungslosen und kostengünstigen Betrieb des Rechenzentrums direkt abhängig ist, wird jede Ersparnis bei den Stromrechnungen durch energieeffizientere Rechner und etwa Verbilligung des Rechenzentrum-Managements durch Vereinfachung der aufwendigen Kühlung direkt in den Bilanzen verspüren. Deswegen auch ist Virtualisierung, der Betrieb mehrer Betriebssysteminstanzen beziehungsweise emulierter Computer auf einer einzigen Maschine, solch ein Hype-Thema unter IT-Verantwortlichen. Die Zusammenfassung mehrerer, bislang physisch vorhandener Maschinen als virtuelle Computer auf einem einzigen Hardware-System spart Strom und Verwaltungsaufwand.
Das zentrale Anliegen von Green IT, wie sie dieses Jahr auf der CeBIT präsentiert wird, besteht in erster Linie in Kostenersparnissen - und, bei aller Metakritik, wenn dabei auch noch Stromsparen und Verbesserungen beim Klimaschutz herauskommen, ist ja auch nichts dagegen zu sagen. Mit Stromsparen und einem Engagement von Privatleuten für den Klimaschutz aber hat das nun wenig bis gar nichts zu tun. Natürlich kann man beim heimischen PC von den technischen Verbesserungen der Prozessoren profitieren, durch die die CPUs weniger Energie benötigen, die PCs damit auch leiser, weil leichter zu kühlen sein werden. Die Prozessoren machen aber nur den kleinsten Teil des Energiebedarfs aus - bessere Energieeffizienz zu Hause ist eine Herausforderung, die nur funktioniert, wenn ich mein eigenes Verhalten beziehungsweise meinen Umgang mit dem PC und anderer IT-Technik überprüfe und ändere (an dieser Stelle sei ein Hinweis auf den Schwerpunkt “Strom sparen!” in c’t 4/2008 gestattet). Wer seinen mit zwei Highend-Grafikkarten ausgestatteten Gamer-PC durchlaufen lässt und solche Monstermaschinen auch fürs Webserven und die private Korrespondenz einsetzt, braucht sich über eine hohe Stromrechnung nicht zu wundern. Ganz abgesehen davon natürlich, dass die den PC heutzutage erst richtig nutzbar machende Netzwerktechnik zu Hause in der Regel auch nicht gerade umweltfreundlich eingesetzt wird: Ich gebe es zu, ich lasse DSL-Router, Netzwerk-Switch und Netzwerkfestplatte mit MP3-Sammlung auch meist durchlaufen.
Eigentlich aber sollte Green IT nicht einfach beim Thema Energieeffizienz einzelner Systeme und Komponenten oder eines Rechenzentrums beziehungsweise der heimischen IT-Installation stehen bleiben. Die Ökobilanz der PC-Industrie ist nicht nur wegen Stromverbrauchs weiterhin verbesserungswürdig - Ökobilanz in diesem Fall als Gesamtheit der energetischen, umwelttechnischen und sozialen Bedingungen der Wertschöpfungskette der PC-Industrie verstanden (ein weiterer Hinweis: Ausgabe 5 von c’t bringt unter der Überschrift “Kein Anschluss?, Green IT ist noch nicht Fair IT” eine ausführliche Analyse der IT-Ökobilanz). Der Einsatz umweltschädlicher Stoffe, der teilweise hohe Energieaufwand, die oft miesen Arbeitsbedingungen in den OEM-Produktionsstätten in Entwicklungs- und Schwellenländern sowie die Kosten für die Altgeräteentsorgung sorgen derzeit nicht gerade für eine positive Ökobilanz der PC-Industrie. Auch wenn selbst Länder wie China, in deren boomender Ökonomie Umweltschutz größtenteils ein Fremdwort ist, mitterweile bestimmte gesundheitsschädliche Stoffe in der Produktion verbieten, auch wenn die Elektronikschrott-Richtline in der EU eine zumindest für den Verbraucher problemlose Elektronikschrottentsorgung gewährleistet, auch wenn die Arbeitsbedingungen in den Sweatshops der globalen PC-Industrie nicht mehr in der alleruntersten Kategorie anzusiedeln sind - wenn Green IT tatsächlich zu einer der Leitlinien werden soll, sollte darunter ruhig ein bisschen mehr gefasst werden als lediglich die Steigerung der Energieeffizienz der Systeme. Und ich verspreche: Ich installiere gleich dieses Wochenende eine Steckdosenleiste mit Ausschalter für all mein Netzwerkgedöns.
Jürgen Kuri ist Stellvertretender Chefredakteur bei c’t und für den Heise-Verlag auch der verantwortliche Redakteur für das, was so alles von ihm und den Kollegen aus den Heise-Redaktionen im Newsticker auf heise online geschrieben wird.
Wunderbar, endlich einmal ein Beitrag, der auch zur CeBIT passt. Womit Jürgen Kuri recht hat ist, dass die Branche den Trend ja mal gründlich um ein Jahr verschlafen hat.
Doch wie steht es wirklich um den Klimaschutz?
Am Verhalten der Privatnutzer wird sich wenig ändern, das sorgen die Hersteller schon für, dass die Elektrogeräte eher mehr als weniger werden.
Siehe hier: http://www.themenblog.de/2008/01/monitorisierung.html
Und was die Unternehmen angeht. Naja, da hat man mal wieder aufs IT Budget geschaut. Nachdem nun alle Dienstleister um 20% gedrückt wurden, sind die IT-Ausgaben gesamt gesunken. Toll! Nur der Strom/Energie-Posten bleib gleich und hat aber damit prozentual gesehen einen höheren Anteil. Kennzahlengesteuert und reflexartig bekam dann der CIO vom CFO eins auf den Deckel.
Ok, damit stand die Einschränkung des Stromverbrauch auf einmal ganz oben.
Toll und jetzt profilieren sich alle als die Gut-Menschen.
Hach, wenn das Leben immer so einfach wäre.
Ach und noch ein Tipp: vielleicht sollte man die heiße Luft so mancher Hersteller auffangen und zum Heizen nutzen, dann wird uns allen bestimmt warm ums Herz.
Recht so Jürgen, lass der CeBIT mit ihrem Leit-Motto mal die Hosen runter!
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