Wie Twitter die Hardware verändern wird - eine Technologie-Spekulation

Über die Zukunft reden heisst sich aus dem Fenster lehnen. Und dort zwitschert es derzeit im Gesträuch. Twitter hat die deutsche Bloglandschaft im Wasserglassturm erobert. Zuerst einmal eine kurze Erklärung, was Twitter ist: Microblogging nennt sich die Kategorie, aber dieser Name ist vergleichbar mit dem Wort Pferdestärken - irgendwie trifft es nicht so ganz, aber man hatte eben noch keine geeignete Beschreibung parat.

Twitter ist ein Social Communication Network, eine Mischung aus Chat, Blog und SMS an alle und verbindet Instant Messaging mit Öffentlichkeit. Über die Website, über das Handy oder einen von gefühlt 500 verschiedenen Clients für alle möglichen Geräte, setzt man Statusmeldungen ab, die nur 140 Zeichen enthalten dürfen, aber durchaus auch einen Link. Diese Nachricht erhalten alle, die dem betreffenden Account folgen - die Follower. Der Charme von Twitter ergibt sich aus der Kommunikationsmöglichkeit beinahe in Echtzeit.

Ein interessanter Link kann sich unter der weltweit inzwischen vermutlich eine Million Menschen umfassenden Twittergemeinde in wenigen Minuten verbreiten. In der Bloglandschaft dauerte das noch mehrere Stunden oder Tage. Twittern ist Bloggen auf Speed, möchte man meinen, und trifft damit leider nur ins Hellschwarze. Denn eigentlich ist Twitter ein Privatnachrichtenticker. Je nach dem, wem man selbst folgt (auch die BBC und viele andere Nachrichtenquellen unterhalten einen Twitterstream) kann man die Betonung von Privat-Nachrichtenticker bishin zu Privatnachrichten-Ticker verschieben. Twitter bildet die längst überfällige Verschmelzung von Instant Messenger und Social Community und wird daher auch kein kurzzeitiger Trend sein, sondern eine langfristige Bereicherung der digitalen Gesellschaft.

Soweit, so faszinierend - übrigens eine Faszinatinon, die sich oft erst langsam ergibt, wenn man an Twitter teilnimmt und vor allem eine ausreichende Zahl von Kontakten hat. Schwenken wir auf die vollmundige Prophezeihung in der Überschrift ein - ich halte es für möglich, dass Twitter Folgen haben wird für die Herstellung von Hardware, vor allem natürlich für mobile Endgeräte. Die SMS hat schliesslich auch ganz eigene Handymodelle hervorgebracht, ich kann mich an ein paar Nokia-Modelle erinnern, die so aussahen, als wären sie um die Daumen der 17jährigen herumdesignt worden.

Nun ist einer der Grosstrends ja, dass sich immer mehr Hardwarekomponenten in Software verwandeln, jüngeres Beispiel ist dabei die Tastatur des iPhone, die zugegeben noch optimierbar ist, aber schon die Nanotasten eines Blackberry diskettoid alt aussehen lässt. Twitter jedoch verbindet einige der technischen Komponenten, die vorher wie lose Seilenden im Handy der Zukunft herumlagen, miteinander. Die Ortsbestimmung etwa, die gerüchteweise auch im nächsten iPhone per GPS möglich sein soll. Ein tolles Feature - aber wofür war es bisher gut ausser für simple Navigationsaufgaben? Twitter gibt der Verbindung aus Kommunikat und Ort einen echten Sinn, denn Kommunikation ist umso relevanter, je näher sie einem ist - auch örtlich.

Dass die Verortung von Kommunikation viel verändern kann, zeigt folgendes Gedankenexperiment: wieoft haben wir schon Freunde und Bekannte an den abstrusesten Orten getroffen? Und um wieviel mehr Menschen haben wir also knapp verpasst? Twitter in Verbindung mit einer GPS-Verortung könnte also zu einer Variante der Vogelperspektiv-Karte werden, die man aus diversen Computerspielen kennt (ich zum Beispiel aus “The Faery Tale Adventure” vom Amiga). Für die Hardware (bzw. eigentlich doch Software) sollte das die Folge haben, dass das GPS-Signal nicht als separates Feature ins Gerät eingebunden werden sollte, sondern dass fest verdrahtet alle möglichen Kommunikationssignale einen angebundenen Ortstag beinhalten werden.

Die Intensivnutzung von Twitter weist auch darauf hin, dass der Handybildschirm der Zukunft vermutlich nie ganz aus bzw. dunkel sein wird (ausser das Gerät ist aus). Denn ein Ticker braucht die Always-On-Komponente und die ist vom Gefühl nicht gegeben, wenn das Handy alle Nachrichten abruft, aber dunkel ist. So wird sich eventuell ein dritter, konstanter Low-Energy-Status zwischen “Screen an” und “Screen aus” ins Handy schleichen, bei dem man mit einem halben Auge beobachten kann, was sich gerade im sozialen Umfeld tut. Und diese Nutzung dürfte unmittelbare technische Folgen sowohl für den Screen selbst als auch für die Akkus und ihre Leistung haben. Eine Konsequenz könnte sein, dass Handybildschirme in Zukunft auch unbeleuchtet funktionieren müssen, was weitreichende Folgen für die Displaytechnologie mit sich brächte.

Und so wird deutlich: beim Tänzeln um den neuen goldenen Gott Twitter herum lässt es sich famos in die Zukunft und ihre Möglichkeiten hineinsteigern. Natürlich kann alles ganz anders kommen. Einen Subtext aber würde ich gern hervorheben wollen - nämlich die enge technologische Anbindung ans Handy. Vielleicht erleben wir schon bald eine Überraschung, und Twitter wird nicht von den üblichen Verdächtigen wie Google, Yahoo, Microsoft gekauft - sondern von Nokia oder Vodafone.

11 Responses to “Wie Twitter die Hardware verändern wird - eine Technologie-Spekulation”

  1. Ach, so weit lehnst du gar nicht.

    Zunächst zur Ortsbestimmung: das ist glaube ich ziemlich genau das, was Google mit dem Twitterklon Jaiku vorhat. In Kombination mit seinem Handybetriebssystem Android. Ich glaube vor allem von Google werden wir noch einiges hören, in der Richtung.

    Dazu noch eine Anekdote. Ich twitterte letztens: “Stehe L:Kotbusser Tor und irgendwas”. Ein paar Sekunden später twitterte Horax: fahre gerade an mspro vorbei. Kurze Zeit später sebaso: “Fahre an mspro und horax vorbei.
    Ja, In der Tat. Ein witziges Gefühl, dieser virtuelle Hauch im Nacken. Ich dachte also etwas länger drüber nach und suhlte mich in ersonnenen Situationen: und: Huch?

    Ich will auf gar! keinen! Fall! dass sowas automatisch passiert.

    Ich will nicht, dass mich egal wer treffen kann, wann er will. Selbst meiner Mutter will ich dieses Privileg nicht einräumen. Auch keinem besten Freund. Niemandem. (ich erinnere mich auch an einen gewissen Buchautor in den letzen Stunden vor Ende der Deadline, dessen Arbeitscaffee von einer Horde Twitterfriends gestürmt wurde, weil er unvorsichtiger Weiser usw.)
    Nur unter meinem ausdrücklichen, am besten drei mal bestätigten Wunsch, will ich meine Geokoordinaten veröffentlichen.

    Ach so ja, Handybildschirme ohne Hintergrundbeleuchtung hatte man doch längst mit dem alten LCD, und dann wieder abgeschafft. Ist zwar schwarzweiß, zieht fast gar keinen Strom. Mein aktuelles hat natürlich ein beleuchtetes Farbdisplay. Wenn das aber ausgehet, ist darüber das alte SW-LCD zu erkennen, wie es die Urzeit anzeigt. Auch hier sind also schon Lösungen am Start.

  2. Sascha Lobo

    Was die Bildschirme angeht, sehe ich da eher sowas wie weiss als Standardhintergrund mit schwarzer Schrift drauf oder das famose elektronische Papier, das uns seit zehn Jahren versprochen wird.

    Das mit der Ortsveröffentlichung, das willst a) Du nicht und b) Du jetzt nicht. Nichts gegen die Langlebigkeit Deiner Überzeugungen, aber lass mal drei Jahre und zwei iPhone-Modelle ins Land gehen und ein intelligentes Rechtemanagement für die eigenen publizierten Daten auf uns zu kommen - dann springen alle mit Anlauf auf den Zug. Genauso, wie die Menschen, die in den 90ern empört bei der Telekom angerufen haben, weil die gegen den Willen die Telefonnummer im Telefonbuch veröffentlicht hat und die inzwischen die Anzahl der Bauchnabelflusen minutenaktuell über ihre Facebook-Statusmeldung veröffentlichen.

  3. [...] Twitter is amazing. It´s like a blog, but short like SMS. Ein interessanter Artikel mit bemerkenswerter Betrachungsweise findet man unter 01blog.de [...]

  4. Das famose elektrische Papier gibt es nur an den Anwendungen scheitert es noch. http://www.plasticlogic.com/process.php

    Mir fällt übrigens auf wie selbstverständlich sich bloggen und twittern ergänzen. Ich versuche auch Microblogging von News mit Kommentaren. Das ist noch nicht so gelungen, aber ich übe ja auch erst.

  5. Mir passierte heute morgen folgendes: http://twitpic.com/nne Einem jungen Menschen, den ich weder folge, noch der mir folgt. So witzig das auch ist, der virtuelle Hauch im Nacken ist dann schon komisch irgendwie. Was wäre wenn ich gepopelt und diesen Popel dann unter die Bank geschmiert hätte? Und wenn ich das dann lesen müsste …

  6. [...] Twitter Will Change Mobile Hardware” by Sascha Lobo 30Apr08 There’s a great post over at the 01 blog. Already put it on my shared Google Reader feed, but thought I’d also [...]

  7. [...] Sascha Lobo spekuliert [...]

  8. [...] Wie Twitter die Hardware verändern wird [...]

  9. [...] Wie Twitter die Hardware verändern wird [...]

  10. Technologie-Spekulation: Wie Twitter die Hardware verändern wird…

    Über die Zukunft reden heisst sich aus dem Fenster lehnen. Und dort zwitschert es derzeit im Gesträuch. Twitter hat die deutsche Bloglandschaft im Wasserglassturm erobert….

  11. [...] Nach nochmaligem Nachdenken ergeben sich für einen zweiten Screen auf der Rückseite eines Laptops durchaus einige sinnvolle Möglichkeiten - wenn er nicht unbedingt in Apfelform daherkommt. Nicht nur, dass inzwischen doch einige Funktionen - wie etwa Musikhören oder nachsehen, ob eine bestimmte neue Mail eingetroffen ist - sich so leichter handlen liessen. Es gilt nämlich auch beim Laptop, was ich vergangenes Jahr über Handys geschrieben habe: “Wie Twitter die Hardware verändern wird“. [...]

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